Das Märchen vom Augsburger Weber, der Könige und Kaiser „auskaufte“

Heute klingt es fast wie ein Märchen: Es gab tatsächlich eine Zeit, in der die Finanzwirtschaft auf das Engste mit der Realökonomie verbunden war. Als nur mit harter Währung rechnen konnte, wer Silber, Kupfer oder Gold zu vermünzen hatte.

Diese Zeit ist bei Weitem noch nicht so lange her wie der Aufstieg des Augsburger Unternehmers Jakob Fugger, dem Martin Luther unterstellte, dass er „Könige und Kayser auskaufen“ wolle. Das war freilich ebenso ein Märchen, wie das, was durch Günter Oggers „Kauf dir einen Kaiser“ geprägte Journalisten immer wieder aufs Neue aufbrühen: In nur drei Generationen hätten sich mittellose Augsburger Weber an die Spitze der europäischen Wirtschaft hochgearbeitet. Jakob Fugger sei „der erste Kapitalist“ gewesen, der Erfinder der Globalisierung wie der doppelten Buchführung gar… Nichts davon ist wahr, und am Webstuhl saß bei den Fuggern seit Generationen keiner mehr.

Wahr ist: Alles, was Jakob Fugger „der Reiche“ je in seiner am 30. Dezember 1525 endenden Unternehmervita anpackte, beruhte auf Usancen, die oberitalienische, aber auch Augsburger und Nürnberger Kaufleute längst praktizierten. Wenn Jakob Fugger sich in Handelsgeschäften mit fernen Kontinenten betätigte, tat er dies höchst vorsichtig und im Windschatten risikobereiterer italienischer und Nürnberger Kaufherrn oder auch der Augsburger Welser. Der Handel allein hätte die Fugger schwerlich aus dem Gewimmel erfolgreicher oberdeutscher Kaufmannsfamilien herausragen lassen. Für die Fugger‘schen Provisionen aus dem Ablasshandel – auch dieses Bankgeschäft erregte Luthers Zorn – würden heutige Banker das Wörtchen „Peanuts“ gebrauchen. Florentinische Bankhäuser wie die Bardi und Peruzzi besaßen ein Jahrhundert vor den Fuggern ein europaweites Filialnetz und gaben dem König von England Großkredite.



Wahr ist allerdings auch: Jakob Fugger war ein kaufmännisches Genie. Er erfand zwar de facto gar nichts, packte aber vieles durchdachter und energischer an als die Konkurrenz. Und: Jakob Fugger war vor allem Montanunternehmer. Weil dies damals gar nicht anders möglich war, war er auch Bankier – oder umgekehrt. Denn nur Kredite für die Landesherrn, denen das Bergregal – und somit das Recht zum Erzabbau, zur Verwertung der Metalle und der Münzprägung – gehörte, ermöglichten die wirklich großen Gewinne. Wer die Big Deals machen wollte, musste sich mit Silber, Kupfer, Quecksilber und Blei (ein bisschen auch mit Gold) herumschlagen. Großkredite basierten also zumeist auf einem bodenständigen – um nicht zu sagen: von Berggestein gehüteten – Unterbau. Um diese Geschäfte tätigen zu können, ließ Jakob Fugger Hüttenwerke in Tirol, Kärnten und in Oberungarn errichten und sogar eine Straße über den Jablunkapass in Richtung Odertal bauen, um ungarisches Kupfer über die Ostsee nach Antwerpen zu verschiffen, von wo es über Lissabon nach Indien ging.

Schon 1473 lernte der 14-jährige Jakob Fugger Geld- und Metallgeschäfte in Venedig kennen, wo sein älterer Bruder Ulrich eine Niederlassung betrieb. Um 1485 nahm der Jüngere die Ausrichtung der Fuggerfirma in die Hand, nur nach außen hin blieb Ulrich der Chef. Am 27. Dezember 1486 wurde erstmals die „bank von ulrichen fugker“ schriftlich festgehalten. Dies belegt eine Briefkopie des Augsburger Rats, die im Stadtarchiv Augsburg im Bestand „Schätze“ aufbewahrt wird. Exakt 525 Jahre später schildert das im context verlag Augsburg erschienene Buch „Die Bank der Fugger. Ein glanzvolles Kapitel europäischer Wirtschaftsgeschichte“, wie Bergwerke, Ablasshandel und Handelsexpeditionen mit Krediten an Kaiser und Könige verknüpft waren. Kurze Texte sowie insgesamt 95 Fotografien und Karten führen zu Originalschauplätzen in Österreich und Italien, in der Slowakei und in Spanien. Bis heute stößt man in Venedig und Rom, Neusohl und Gailitz, Innsbruck, Hall und Schwaz, Jenbach und Sterzing, Almagro und Almadén auf Spuren Fugger'scher Bank- und Montangeschäfte.

Martin Kluger. Die Bank der Fugger. Ein glanzvolles Kapitel europäischer Wirtschaftsgeschichte
Hrsg.: Fürst Fugger Privatbank Augsburg
ISBN: 978-3-939645-42-9
Verarbeitung: Hardcover mit Schutzumschlag, Format: 20 x 20 cm, 48 Seiten, 95 Abbildungen
Preis: 14,90 Euro